Buchtipp

Starker Tobak

Stefan Dietls Buch zum Verhältnis von Gewerkschaften zur AfD

Stefan Dietl: Die AfD und die soziale Frage.
Zwischen Marktradikalismus und völkischem Antikapitalismus

Unrast-Verlag, Münster, 14 Euro, 168 Seiten, ISBN 978-3897712386

Für viele dürfte das Buch von Stefan Dietl starker Tobak sein. Gerade deshalb sind dem Werk „Die AfD und die soziale Frage“ viele Leser/innen zu wünschen. Die gewerkschaftsinterne Diskussion, die Dietl im letzten Drittel seines Buches anstoßen will, scheint überfällig.

Zunächst widmet sich der Autor allerdings der Entstehungsgeschichte der AfD, zeichnet ihre inneren Spannungsfelder und die Positionen einzelner Personen nach und verliert sich dabei gelegentlich in zu vielen Details und Verweisen auf ideologische Vorbilder in der Geschichte. Dann folgt eine Analyse der sozialen Zusammensetzung der Partei, der Wählerwanderungen hin zu den Rechten und Positionen internationaler Schwesterorganisationen. Spannend und provokativ wird es dann im Schlusskapitel: „Die AfD stoppen – Gegenmacht organisieren.“

Hier beschreibt Dietl zugespitzt die Politik der DGB-Gewerkschaften in den vergangenen 20 Jahren. Lange Zeit nahmen die für sich in Anspruch, zu den wichtigsten Protagonisten im Kampf gegen rechts und auch gegen die 2013 gegründete und spätestens 2015 klar nach rechts gerückte AfD zu zählen. Doch „obwohl die Gewerkschaften die AfD als rassistisch und arbeitnehmer*innenfeindlich kritisierten, machten immer mehr Gewerkschaftsmitglieder ihr Kreuz bei der Partei“, konstatiert der Autor, der selbst ehrenamtlich im Landesvorstand von ver.di Bayern aktiv ist. Studien belegen, dass rassistische und rechtsextreme Einstellungen bei Gewerkschaftsmitgliedern überdurchschnittlich oft anzutreffen sind (siehe auch Seite 3).

Dietl sucht die Ursachen in der Ausrichtung der deutschen Gewerkschaftspolitik. Die sei geprägt von „Standortnationalismus“: Die sozialpartnerschaftliche Vorstellung, dass Arbeitgeber und Beschäftigte letztendlich in einem Boot sitzen und gemeinsam in Konkurrenz zu Betrieben im Ausland stehen, sei anschlussfähig an AfD-Positionen. Gleiches träfe für das Leistungsprinzip zu. Das werde vor allem von qualifizierten Facharbeiter/innen und Angestellten hochgehalten – eine Gruppe, die in Gewerkschaften überrepräsentiert sei und heute stark unter Abstiegsängsten leide. Nicht wenige versuchten, dem durch Abgrenzung nach unten zu begegnen.

Diese Entsolidarisierung hätten, so Dietl, die Gewerkschaften stark befördert, indem sie an Regelungen zu Leiharbeit oder Hartz IV mitgewerkelt hätten, statt einen harte Konfrontationskurs zu fahren. Das ist Dietls These. So habe sich die soziale Schere in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten so stark geöffnet wie in kaum einem anderen europäischen Land. Annette Jensen